Sunday, December 30, 2012

Eine kleine Verschwörungstheorie

Nachdem die Welt am 21.12. nun doch nicht untergegangen ist (die Maya scheinen ja beim Voraussagen ihres eigenen Untergangs nicht erfolgreicher gewesen zu sein...), möchte ich für das neue Jahr meine eigene kleine Verschwörungstheorie lancieren. Es ist aber keine Verschwörungstheorie im klassischen Sinne, denn sie erklärt ein tatsächliches und durchaus rätselhaftes Phänomen. Allerdings ist sie noch nicht Occam's razor unterzogen worden. Es gibt daher sicher eine bessere Erklärung des Phänomens, aber solange die nicht ebenso plausibel (und einfacher!) ist, steht meine Erklärung. Hier nun das Rätsel:

Wieso gibt es die Sendung SRF-Börse?

Die Frage ist gar nicht so dumm, wie sie scheint, denn während die Schweizer Börse "schon immer" existierte, gab es vor den späten 90er Jahren keine Börsensendung am Schweizer Fernsehen. Wieso gibt es sie also jetzt? Oder anders gefragt, was hat in den späten 90ern geändert, dass danach eine Börsensendung notwendig oder wünschbar geworden war?

Folgende Gründe sprechen gegen eine solche Sendung (abgesehen davon, dass die Schweizer Börse eine private Aktiengesellschaft ist, die auf diese Weise täglich eine 5minütige Gratiswerbung zur besten Sendezeit bekommt).

Die SRF-Börse ist keine Informationssendung, denn eine Wertpapierbörse liefert keine Informationen. Gemäss einer empirischen Studie können nur etwa 5% der Bewegungen eines Aktienmarktes auf externe Nachrichten ("exogene Faktoren") zurückgeführt werden. Alle anderen 95% der Bewegungen sind Folge des Marktes selbst ("endogen"): Preise steigen, weil sie steigen, und fallen, weil sie fallen. Wenn man dann noch berücksichtigt dass die Reaktion auf allfällige externe Nachrichten (verantwortlich für höchstens 5% der Volatilität!) auch in der Schweiz zunehmend von Robotern und high frequency trading Software ausgeführt wird, kann man getrost sagen, dass der Aktienmarkt frei von jeder Information über die Wirtschaft ist. Er ist eine praktisch vollkommen von der Realität abgekoppelte, selbstlaufende Kasino-Maschine.

Dazu kommt, dass die Efficient Market Hypothesis (EMH) widerlegt ist, d.h. es ist bewiesen, dass sie falsch ist (das ist die Bedeutung des Wortes "widerlegen"), und wer weiterhin behauptet, Wertpapiermärkte seien "effizient" oder stabil, ist ein Idiot oder lügt oder beides. Mit dem Dahinfallen der EMH fällt aber auch das Konzept des shareholder value dahin. Dieses besagt, dass das Optimieren des Aktienkurses einer Firma durch die Firmenleitung automatisch und immer die beste Firmenstrategie ist, weil Aktienmärkte (wegen ihrer Effizienz) immer den realen Wert einer Firma reflektieren (Eigentlich eine idiotische Idee: es mag wohl sein, dass eine hohe Temperatur ein Indikator für gutes Wetter ist, aber das bedeutet doch nicht, dass man mit einem Feuerzeug unter dem Therometer für gutes Wetter sorgen kann).

Damit sind wir wieder am Anfang: Wieso gibt es die SRF-Börse? Sie liefert keine eigenständige Informationen, und da shareholder value nicht funktioniert, auch keine Leitlinie für Unternehmer.

Eine mögliche Antwort und damit meine Verschwörungstheorie liefert das Sendungsporträt von SRF-Börse. Die Moderatorin Patrizia Laeri schreibt dort:
Wer sein ganzes Geld auf dem Sparkonto hortet, hilft nur der Bank. Wer Aktien kauft, investiert in Arbeitsplätze, Forschung, Zukunft – in die echte Wirtschaft eben. (...)
Hervorhebungen durch mich.
Diese Aussage ist falsch. Wer Aktien kauft, investiert nicht in die echte Wirtschaft. Tatsächlich geht im Sekundärhandel (a.k.a. "Börse") bei einem Aktienkauf kein einziger Rappen an die entsprechende Firma, sondern nur an den Vorbesitzer, der sie in der Absicht gekauft hat, sie später einem anderen Idioten teurer weiter zu verkaufen ("greater fool principle").

Diese Art der Lügen ist typisch für die aktuelle Berichterstattung in ökonomischen Fragen, die die Wahrheit immer in die gleiche Richtung verzerrt, nämlich so, dass sie den Markt als einzige und höchste Art der sozialen Ordnung behauptet und gleichzeitig den Staat und die Demokratie in negativem Licht zeichnet und deren Verdrängung durch den Markt als alternativlos darstellt. Dies alles begann im Zuge des neoliberalen Umbaus der Wirtschaft, der nicht nur die hauptsächlich ideologisch motivierte Deregulierungs-, Liberalisierungs- und Privatisierungswelle ausgelöst, sondern auch sondern auch die Medienberichterstattung beeinflusst hatte. Tageszeitungen (speziell der Tages-Anzeiger) begannen, eine dezidiert (wenn nicht sogar euphorisch) markt-ideologische Haltung im redaktionellen Teil zu zeigen. Aber auch das Schweizer Fernsehen begann, auffallend markt-ideologische Züge in seiner Berichterstattung zu zeigen und ensprechende Sendegefässe aufzunehmen, speziell die SRF-Börse.

Dies ist deshalb meine Antwort: Die SRF-Börse hat den Zweck, das Volk mit neoliberalen Vorstellungen wie der generellen Überlegenheit des Marktes gegenüber der Demokratie, der Wichtigkeit des shareholder value in der Wirtschaftspolitik und der Notwendigkeit weiterer Privatisierungen und Deregulierungen zu indoktrinieren. Verschwörungstheorie? Sicher! Aber wer eine bessere Antwort geben will, muss eine finden, die alle genannten Sachverhalte (Unwahrheiten, Verdrehungen) ebenso gut erklärt, wie meine Verschwörungstheorie.

Nachtrag: Im Beitrag Die Post: ein Rückblick in der Tagesschau vom 30.08.2012 zur Post AG kommentiert die Sprecherin (bei c.a. 1:00) das Bild mit den Worten: "Noch ist die PTT der einzige Anbieter im Markt". Diese Formulierung ist ebenso typisch wie irreführend, denn zu diesem Zeitpunkt gab es überhaupt kein Konzept eines "Marktes" im Post- oder Fernmeldewesen, und beide Dienste waren nicht nur organisatorisch, sondern auch in der allgemeinen Volks-Auffassung Staatliche Dienste (die Liberalisierung begann in der Schweiz erst Anfangs der 90er Jahre). Aber hier wird ausdrücklich suggeriert, dass der Markt die natürliche Form der Ordnung darstellt, und die PTT als "noch (...) einzige[m] Anbieter" eine Abnormalität darin.

Nachtrag 2: Die Lüge "Wer Aktien kauft, investiert in Arbeitsplätze, Forschung, Zukunft – in die echte Wirtschaft eben" ist darum so hinterhältig, weil sie als neoliberale Lügenpropaganda zur Rechtfertigung von Steuersenkungen für Reiche dient. Solche Steuersenkungen seien notwendig, heisst es, damit die Reichen in die Wirtschaft investieren und Arbeitsplätze schaffen können, was dann letztlich uns allen nützt (trickle-down Effekt). Aber tatsächlich "investieren" die Reichen die gesparten Steuern lediglich in Aktien, wo das Geld als totes Kapital herumliegt und höchstens weiteres steuerbefreites Einkommen generiert, aber keine Wirkung in der Wirtschaft hat, da nichts von diesen "Investitionen" bei den eigentlichen Firmen ankommt.

Friday, July 13, 2012

Die Geschichte vom Spanischen Raub

"Grossvater, erzähl' uns eine Geschichte!" rief Lisa. Vor dem Fenster fielen schwere Schneeflocken, und im Kamin prasselte lustig ein grosses Feuer. "Ja, erzähl' uns eine Geschichte!" rief nun auch Peter. Der Grossvater blickte von seiner Zeitung auf. "Was für eine Geschichte denn?" fragte er. "Eine spannende Geschichte", rief Peter, "mit Räubern und Königen!" "Eine wahre Geschichte!" fügte Lisa hinzu.
Der Grossvater nahm ein Zug seiner Pfeife. "Ihr wollt eine wahre Geschichte von Räubern und Königen hören? Nun gut, setzt Euch zu mir. Ich erzähle Euch so eine Geschichte!"

"Es war einmal weit, weit weg in Spanien ein kleines Land, in dem regierte ein König, der bei allen im Volk beliebt war. Er war sparsam und schaute stets darauf, dass es allen im Land gut ging. Alle Leute zahlten jedes Jahr ihren Zehnten und fanden nichts dabei, denn sie wussten, dass der König sorgsam mit dem Geld umgehen würde.

Eines Tages begab es sich, dass ein gerissener und heimtückischer Räuber namens Manuel Trickledon ins Land kam, der darauf sann, das kleine Königreich auszurauben. Er freundete sich mit den reichen Kaufleuten im Land an, schmeichelte ihnen und erzählte ihnen, dass in anderen Leuten die Reichen keinen Zehnten zu entrichten hatten, da man wusste, dass sie mit ihrem Reichtum dafür sorgten, dass das Land vorankam. Würde man hier den Reichen den Zehnten ebenfalls erlassen, dann würde auch das kleine Königreich bald aufblühen.

In den Boomjahren liefen die Schulden der spanischen Volkswirtschaft aus dem Ruder. Nicht die Schulden des Staates, sondern des Privatsektors, also der privaten Haushalte, Unternehmen und Banken.
[Irlands und Spaniens] Problem waren nicht öffentlicher Schlendrian und zu hohe Staatsschulden, sondern ein zu grosser Schuldenaufbau im Privatsektor.
Trickledon veranlasste die Reichen, bei der Bank des Landes Geld auszuleihen und immer mehr und immer grössere Schulden zu machen, das Geld zu verprassen, sich schöne Häuser und Ländereien zu kaufen und es sich mit dem geliehenen Geld gut gehen zu lassen. Die Schulden Trickledons, der sich natürlich mit beiden Händen daran beteiligte, und der übrigen Reichen bei der Bank wurden so immer grösser, und ihr Hunger nach weiterem Geld der Bank wurde immer ungehaltener, bis eines Tages die Bank kein Geld mehr hatte. Das war schlimm, denn nun konnten auch die kleinen Kaufleute und Handwerker kein Geld mehr ausleihen, wenn sie Tuch oder Mehl oder Werkzeuge kaufen wollten. Das Gewerbe im Land brach ein, und es schien, dass schon bald Hunger herrschen müsste, wenn nicht jemand dafür sorgte, dass die Bank wieder Geld zum Verleihen hatte.

So ging Trickledon zum König und sagte ihm, dass der König mit dem Gold in seiner Staatskasse die Bank vor dem Untergang retten müsse, falls er nicht wolle, dass das ganze Gewerbe im Rand mangels Geld untergehen würde. Da dem König keine andere Wahl blieb, liess er die Bank im Land mit Geld aus der Staatskasse auffüllen. Nun hatte die Bank wieder Geld, und Trickledon und die Reichen im Lande begannen sogleich wieder, Geld zu leihen und zu verprassen, sodass bei der Bank das Geld schon bald wieder zur Neige ging und sie beim Könige weitere Mittel erbetteln musste. Das ging eine Weile so weiter, bis sich schliesslich auch die Staatskasse zu leeren begann und eines Tages das letzte Geldstück an die Bank geliefert werden musste.
Als Folge der Verstaatlichung wanderten die Verbindlichkeiten der drei wichtisten Banken [Irlands] auf die Bilanz des irischen Staates, und die Verschuldung Irlands schoss von gut 24 Prozent auf knapp 100 Prozent des Bruttoinlandproduktes.
Der König hatte nun kein Geld mehr, da er alles aufbrauchen musste, um das Loch in der Kasse der Bank auszugleichen, die das ganze Geld Trickledon und den übrigen Reichen im Land geliehen hatte. Da der Staat nun selber verschuldet war und Geld brauchte, um die Beamten und Staatsdiener zu bezahlen, kam Trickledon zum König und anerbot sich, ihm Geld zu borgen. Er hatte es sich nämlich gut gehen lassen und war mit all dem von der Bank geborgten Geld nun selber reich geworden. Da er aber dem Schuldenstaat nicht einfach Geld leihen könne (er wüsste ja nicht, ob es jemals zurückbezahlt werden könne), müsste er eine Gegenleistung haben. Trickledon zeigte dabei auf all die Gewerbe, die dem König gehörten, und sagte ihm, er müsse diese an ihn und die anderen Reichen verkaufen, sonst könne er ihm kein Geld leihen. Das gefiel dem Könige nicht, denn seine Gewerbe und Werkstätten lieferten Wasser für sein Volk, besorgten das Post- und Meldungswesen, sicherten Ruhe und Ordnung und alles weitere, das für das Leben im Lande notwendig war.

Spanien treibt Privatisierungen voran
Handelsblatt, 30.04.2012
Spanien prüft Privatisierung der Post
finanztreff.de, 26.06.2012
Aber in den Staatskassen war kein Stück Blech mehr zu finden, und so verkaufte der König schliesslich die Gewerbe und Werkstätten, um wieder etwas Geld in den Staatskassen zu haben. Trickledon und seine Reichen besassen nun das ganze Geld des Landes und dazu auch noch alle königlichen Gewerbe und Werkstätten, und da das Volk nun ihr Wasser und andere notwendigen Güter teuer von Trickledon und seinen reichen Genossen abkaufen musste, verjagte es den einst geliebten König mit Schimpf und Schande aus dem Lande. Dies", so schloss der Grossvater, "ist die Geschichte vom Spanischen Raub".

Peter und Lisa hatten gebannt die Geschichte angehört, aber nun begannen sie zu lachen. "Grossvater", riefen sie lachend, "so etwas ist doch gar nicht möglich! Es kann ja gar nicht sein, dass der König die Schulden der Reichen übernehmen muss, nur um am Ende ihnen alle Gewerbe und Werkstätten überlassen zu müssen, weil er nun selber verschuldet ist. Das Volk hätte diesen Betrug doch durchschaut!" Der Grossvater begann zu schmunzeln. "Meinst Du, ich hätte Euch angeschwindelt?" - "Aber ja, die Geschichte ist ja gar nicht wahr, sondern erfunden und erdichtet!" Und damit begannen alle zu lachen und hielten sich die Bäuche, und hörten nicht auf zu lachen, bis die Bäuche zu schmerzen begannen.

Saturday, June 23, 2012

Null und Nichts

Seit ich vor etwa 20 Jahren das erste Mal erkannte, dass Ökonomie keine Wissenschaft ist (eine lange Geschichte, die vielleicht ein anderes Mal erzählt wird), spielte ich mit dem Gedanken, ein Buch darüber zu schreiben (Arbeitstitel: "Das letzte Buch über Ökonomie". Untertitel: "Beim Hinausgehen bitte Lichter löschen").

Nach und nach sind beim Lesen mehrerer Bücher über Ökonomie Ziegel aus dem Mauerwerk der Ökonomie herausgefallen. So schrieb etwa Joseph Stiglitz in Globalization and its Discontents (quasi im Vorübergehen), dass die Lehrbuch-Ökonomie nicht funktioniert. Wie kann eine Wissenschaft etwas gelten, wenn jene Grundlagen, die Studenten gelehrt werden, nicht funktionieren?

Inzwischen bin ich auf zwei Bücher gestossen, die ich als Ultimative Ökonomische Werke ansehe, und die daher jede/r lesen sollte, der/die sich für Ökonomie interessiert. Das eine ist 23 Things They Don't Tell You About Capitalism von Ha-Joon Chang, Professor für Ökonomie an der University of Cambridge, UK, und das zweite Debunking Economics von Steve Keen, Professor für Ökonomie an der University of Western Sydney, Australia. Während ersteres einfache "Wahrheiten" angreift, die von Ökonomen und Politikern oft reflexartig herumgereicht werden, ohne je intellektuell verstanden worden zu sein, und die beweisbar überhaupt nicht stimmen, untergräbt das zweite die Fundamente der Lehre. Ich habe es noch nicht fertig gelesen, aber es scheint, dass die ökonomische Lehre nicht nur etwa auf Sand, sondern schlicht auf dünner Luft gebaut ist. Nichts, was man über Ökonomie zu wissen glaubt, stimmt! Nichts! Entweder basiert es auf unsinnigen Annahmen, widerspricht sich im Kern selbst, oder ist schlicht mathematisch falsch.

Als Beispiel, das in der künftigen Debatte um die Einheitskassen-Initiative der SP höchst relevant werden wird, möchte ich hier nur eine erstaunliche Feststellung aus dem Buch anführen: die Behauptung, dass ein Freier Wettbewerb zu tieferen Preisen als ein Monopol führt, ist falsch! Sie basiert auf einem Rechenfehler! Wenn man den Fehler korrigiert, dann führt ein Freier Wettbewerb sowohl in der Theorie, wie auch in der Praxis (z.B. einer Computersimulation), zu den exakt gleichen Preisen, wie im Monopol. Dies ist nur eine der vielen ökonomischen "Wahrheiten", die von Professoren wie Politikern unbedacht verbreitet werden, die benutzt werden, um unsere Wirtschaft zu formen -- und die vollkommen falsch sind!

Die Ökonomische Lehre ist innen vollkommen hohl. Nichts stimmt! Null und nichts! Wer es nicht glaubt, soll Steve Keens erstaunliches Buch Debunking Economics lesen. Und danach beim Hinausgehen bitte die Lichter löschen.

Wednesday, May 2, 2012

Beat Kappeler ist ein Lügner

Jemanden als Lügner zu bezeichnen, ist ziemlich krass. Der Titel ist aber faktisch korrekt, und hier ist der Beweis.

Im Artikel Ein Kreditsystem ohne Krisen, ohne Hebelwirkung, ohne Inflation schreibt Dr. h.c. Beat Kappeler unter dem Untertitel Denn dies waren die Ursachen der Finanzkrise (zu finden im Menu links unter Finanzkrise: die Reformen, dann untere Hälfte des Artikels):
Für die Finanzkrise waren einerseits demagogische Regulierungen schuld, andererseits die Hebelwirkungen dank viel zu günstiger Zinsen. Die Demagogie stammte aus den Vorgaben der Regierungen Clinton und Bush seit 1995. Die zwei Hypothekengiganten der USA mussten immer höhere Teile der Ausleihungen an minderbemittelte und minderheitliche Gruppen gewähren, zuletzt 52% aller Ausleihungen. Das waren Hunderte von Milliarden Dollar, die bewusst und gezielt an Haushalte flossen, welche definitionsgemäss ausserstande waren, Zinsen und Rückzahlungen zu tragen. Wenn eine Bank diese Anteile nicht schaffte, konnte man sie vor Gericht verklagen, wie seinerzeit ein umtriebiger Anwalt es tat, mit Namen Barack Obama.
Mit andern Worten, der Staat im Allgemeinen und ein "umtriebiger Anwalt" namens Barack Obama im Besonderen sind Schuld an der Finanzkrise, denn sie haben die armen Banken gezwungen, arbeits- und mittellosen Pennern Hypothekarkredite zu geben.

Bevor ich den endgültigen Beweis dafür liefere, dass Dr. h.c. Beat Kappeler ein Revisionist und Geschichtsfälscher ist, hier ein Gedanken-Experiment, das die Frage eigentlich bereits beantwortet.

Gibt es auf diesem Planeten irgend eine Bank, eine einzige Bank — und ausgerechnet in den USA —, die jemandem einen Kredit vergibt, von dem sie erwartet, dass er nicht zurückbezahlt wird? Ehrlich.... Aber hier ist eine Antwort: Es gibt nur einen einzigen Grund, weshalb eine Bank einen solchen Kredit à fonds perdu vergeben würde, nämlich dann, wenn sie diesen faulen Kredit mit Profit einem andern Trottel weiterverkaufen kann, zB. einer Investitionsbank, die daraus CDOs macht... Klingelt's?

Gut, hier nun ist der Beweis: ein Abschnitt aus dem Buch Griftopia des Rolling Stone Journalisten Matt Taibbi:
Since these mortgage-backed securities paid much higher returns than other AAA investments like Treasury notes or corporate bonds, the bank had no trouble attracting investors, foreign and domestic, from pension funds to insurance companies to trade unions. The demand was so great, in fact, that they often sold mortgages they didn't even have yet, prompting big warehouse lenders like Countrywide and New Century to rush out into the world to fine more warm bodies to lend to. Matt Taibbi, Griftopia, paperback edition, p 286, Hervorhebung durch mich
Möchte Herr Dr. h.c. Beat Kappeler etwa behaupten, dass der Staat und Barack Obama die Banken gezwungen hätten, Hypotheken nicht nur an arbeitslose Penner, sondern auch an Personen zu vergeben, die gar nicht existieren??

Beat Kappeler ist ein Lügner.

Saturday, April 7, 2012

Sturm auf die Bastion

Dogmatisch, marktgläubig, orthodox, imperialistisch, nutzlos. Das sind nur einige der Attribute, die sich die sogenannte Wissenschaft Politische Oekonomie in den letzten Jahrzehnten verdient hat (Aufstand der Wirtschaftsethiker in der Berner Zeitung vom 6. April 2012). Die Denkfabrik Me'M (Menschliche Marktwirtschaft) versucht gemäss Artikel, die grassierende Marktgläubigkeit in den Köpfen zahlreicher 'Experten' auszutreiben. Es gäre in den akademischen Zirkeln, denn
[d]er Zwang, in den als orthodox empfundenen Journals publizieren zu müssen, sei ein System der "akademischen Prostitution". Junge Ökonomen würden zu Opportunisten gemacht, weil sie sich ausschliesslich an der herrschenden Lehre ausrichten müssten.[BZ 6. April 2012]
An der renommierten Harvard Universität verliessen vor kurzem rund 70 Studenten der Oekonomie aus Protest eine einführende Vorlesung des bekannten Wirtschaftsprofessors und Autors N. Gregory Mankiw. Als Grund für den Protest gaben die Studenten an, die Vorlesung propagiere eine oekonomische Ideologie, die den Kollaps von 2008 hervorrief. Harvard Absolventen hätten als Komplizen viele der schlimmsten Ungerechtigkeiten der letzten Jahre mitverursacht.

In der Schweiz erwarten Studenten der Oekonomie offenbar immer noch, sich durch Anpassung an die Orthodoxie Status und Wohlstand erschleichen zu können. Jedenfalls ist es verdächtig still an den Universitäten (nicht dass sich die Kofferträger-Fraktion in sozialen Belangen je speziell hervorgetan hätte).

Friday, April 6, 2012

Ferienlektüre

Da ich nach den Ostern für 3 Wochen in die Ferien gehe, habe ich bei Amazon unter Umgehung der Buchpreisbindung, die aber in der Schweiz sowieso schon lange nicht mehr gilt, folgende Bücher bestellt. Zu einigen Büchern habe ich ein kurzes Youtube Video beigestellt, in welchem der Autor seine Thesen erläutert. Es ist erfrischend, zu sehen, wie viele Oekonomen seit der Finanzkrise bereit sind, ihre Disziplin — Wissenschaft kann man ja dazu nicht sagen — kritisch zu betrachten und wo nötig öffentlich zu demontieren und der Lächerlichkeit preiszugeben (Autoren 1 und 2).

Die Bücher Griftopia und Wrecking Crew sind zwar aus einer US-Amerikanischen Perspektive und für ein ebensolches Publikum geschrieben, aber da konservative Kräfte letztlich überall dieselben Ziele verfolgen, nämlich Reiche reicher zu machen und den Mittelstand dafür bezahlen zu lassen, kann man die dargestellten Ansichten und Verhältnisse durchaus auch für die Schweiz verallgemeinern.

1. Steve Keen: Debunking Economics [kaufen bei Amazon, Buch.ch]
The Naked Emperor Dethroned


2. Grady Klein & Yoram Bauman, Ph.D: The Cartoon Introduction to Economics
Vol 1: Microeconomics [kaufen bei Amazon, Buch.ch]
Vol 2: Macroeconomics
[kaufen bei Amazon, Buch.ch]



3. Matt Taibbi: Griftopia [kaufen bei Amazon, Buch.ch]
A Story of Bankers, Politicians, and the Most Audacious Power Grab in American History

4. Thomas Frank: The Wrecking Crew [kaufen bei Amazon, Buch.ch]
How Conservatives Ruined Government, Enriched Themselves, and Beggared the Nation

Frohe Ostern meinen Lesern und Schöne Ferien für mich selber!

Friday, March 30, 2012

Unredlichkeit als Wissenschaft

Dieser Blog-Eintrag erschien in abgeänderter Form als Kommentar zum Artikel Wenn Staatsausgaben sich selbst bezahlen auf dem Never Mind The Markets-Blog der Berner Zeitung.

Für eine sogenannte Wissenschaft, die keine ist, macht die Oekonomie recht unverschämt klare Aussagen, oft ohne jede Vorbehalte. Klare Aussagen sind gefährlich, weil sie gestatten, sie an der Realität zu überprüfen. Alle Religionen haben ursprünglich solche Aussagen gemacht, mit verheerenden Resultaten, da die Wissenschaft überzeugendere Argumente liefern konnte. Die Kirche hat zuerst mit Folterzange und Scheiterhaufen ihre Position eine Weile lang behaupten können, musste schliesslich aber unter der Last der Argumente das Feld der realen Welt den Wissenschaften überlassen.

Der Oekonomie stehen diese Mittel nicht zur Verfügung, aber sie kann sich recht effektiv der Realität verweigern, weil ihre Thesen, obwohl sie falsch sind, einer Elite nützen, die die Thesen daher verteidigt. Dem Reichen ist es egal, ob supply-side funktioniert, solange er davon profitiert. Ausserdem kann die Oekonomie ihre Thesen in Formeln kleiden und damit tarnen, bzw. verlangen, dass nur Initiierte an oekonomischen Argumenten teilnehmen. Ein deutscher Oekonomie-Professor hat kürzlich verlangt, der Pöbel solle sich aus der Oekonomie heraushalten, da er sie sowieso nicht verstehe, wobei “Pöbel” mein Ausdruck ist, nicht seiner.

Dass die Oekonomie den Betrug gewissermassen bereits im Namen trägt, macht sie nicht gerade vertrauenswürdiger. Oekonomie hiess im englischen ursprünglich “political economy” und wurde dann in “economics” umbenannt, um durch die Nähe zu “mathematics” wissenschaftlichkeit vorzugaukeln. Im übrigen nennen die Oekonomen ihre Behauptungen “Theorie”, was in der realen Wissenschaft eine klare Bedeutung hat: Eine wissenschaftliche Theorie ist ein funktionierendes — wenngleich nicht unbedingt vollkommen wahres — Modell der Realität. Newton ist eine Theorie, und mit ihr lassen sich Flugzeuge bauen, die fliegen, Schiffe, die nicht untergehen, und Bomben, die ihr Ziel treffen, und obwohl Einstein einige newton’sche Aussagen korrigiert hatte, fliegen Flugzeuge immer noch.

Was Oekonomen Theorien nennen sind eigentlich Hypothesen, denn entweder sind sie nicht überprüfbar, oder widersprechen sich gegenseitig (und können daher nicht alle gleichzeitig wahr sein), oder funktionieren oft einfach nicht und sind daher ein untaugliches Modell der Realität.

Da man der Oekonomie nicht trauen kann, müssen wir auf die Erfahrung zurückgreifen. Obwohl es bereits eine Generation her ist und sich kaum mehr jemand mehr daran erinnert, hat die Soziale Marktwirtschaft eine recht anständige Erfolgsbilanz aufzuweisen — immerhin haben wir ihr den Mittelstand zu verdanken, der jetzt unter Supply-Side stagniert oder sogar einbricht.

Wenn man zwischen zwei Modellen wählen könnte: eins von dem man weiss, dass es schon einmal funktioniert hat (Mittelstand!), und eins, von dem man weiss, dass es nicht funktioniert (trickle-down!), welches würde ein vernunftbegabter Mitteleuropäer wohl wählen? Und welches ist oekonomischer Mainstream? Was ist daraus zu schliessen?

Sunday, March 4, 2012

Zurück in die Mülltonne: Economiesuisse macht Rückzieher

Nachdem die Economiesuisse vor Kurzem noch die Finanzierung des zweiten Gotthardtunnels durch den Privatsektor verlangt hatte (der Underhanded Economist berichtete darüber) hat sie nun einen Rückzieher gemacht. Gemäss einer Mitteilung im Sonntagsblick vom 4. März 2012 verlangt sie nun doch eine öffentliche Finanzierung der zweiten Gotthardröhre. Economiesuisse-Geschäftsleitungsmitglied Dominique Reber sagt im Artikel, es gebe bei den Behörden leider eine zu ­geringe politische Akzeptanz für einen privat finanzierten Tunnel. Leser des Underhanded Economist wissen es besser: es ist einfach eine Kolossal Dumme Idee.

Monday, February 27, 2012

Frisch aus der Mülltonne: Private Finanzierung des Gotthardtunnels

In Abwandlung eines berühmten Zitats von Ephraim Kishon ist das grösste Unglück der Ideen der Oekonomie, dass sie sich verwirklichen lassen. Das ist aber auch gleich ein grosser Vorteil, denn so lässt sich beweisen, dass diese Ideen nicht funktionieren. Nicht dass die Wirtschaft oder ihre Ideologen der Economiesuisse auf diese Beweise etwas geben, denn wie sonst lässt sich erklären, dass sie eine Idee aus der Mülltonne des Neoliberalismus hervorgekramt haben, deren Versagen so spektakulär ist, dass sie in den Annalen der Dümmsten Ideen Aller Zeiten ein würdiger Vertreter wäre.

Es geht um die Private Finanzierung der zweiten Gotthardröhre, deren Vorteile eine Studie [PDF] der Economiesuisse angeblich belegt. Das der Idee zugrundeliegende Prinzip nennt sich private finance initiative (PFI), eine spezielle Form der public private partnerships (PPP), bei welcher öffentliche Infrastrukturprojekte privat finanziert (und allenfalls betrieben) werden. Ursprünglich entwickelt in Australien und Grossbritannien, wurde 1992 das erste PFI-Bauvorhaben in Grossbritannien durch die Konservative Regierung unter John Major als Vorzeigeprojekt aufgegleist. Das Scheitern des Vorhabens wurde von George Monbiot in allen Details in seinem Buch Captive State: The Corporate Takeover of Britain sowie in einem Artikel im Guardian aufgezeigt. Hier eine Kurzfassung:

Die Skye Bridge oder Why have we paid £93m for a £15m bridge?:
  1. Die Skye Bridge, gebaut auf Geheiss der Konservativen Regierung, war das erste Projekt in Grossbritannien, das privat finanziert wurde. Unter PFI werden öffentliche Projekte wie Strassen, Brücken, Schulen und Spitäler vom Privaten Sektor gebaut und dann betrieben oder an den Staat vermietet. Weil der Privatsektor effizienter als der Staat ist und ausserdem alle Risiken trägt, kosten den Steuerzahler solche PFI-Projekte weniger.
  2. Wenn die Projekte privat finanziert werden sollen, heisst es natürlich nicht, dass die Projekte tatsächlich privat finanziert werden. Der Staat hat also 6 Millionen Pfund für die Zufahrtswege und 3 Millionen Pfund für Beraterdienste und den Landkauf beigesteuert. Die Europäische Investitionsbank hat weitere 13 Millionen Pfund beigesteuert -- unter Verletzung ihrer eigenen Kriterien.
  3. Es kam zu Kostenüberschreitungen und Verzögerungen. Wenn der Privatsektor das Risiko trägt, heisst es natürlich nicht, dass der Privatsektor tatsächlich das Risiko trägt. Also hat der Staat 4 Millionen Pfund als Entschädigungen für diese Kostenüberschreitungen bezahlt.
    Anmerkung: Es ist wichtig, festzustellen, dass in diesem Moment das Experiment PFI gescheitert ist, denn der Zweck desselben war ja gerade, die Effizienz und das Risikomanagement des Privatsektors auszunutzen. Die Regierung hatte letztlich bezahlt, um zu verschleiern, dass ihre Idee des PFI nicht funktioniert.
  4. Am Tag der Eröffnung der Skye Bridge am 16. Oktober 1995 stellte die Regierung den Fährbetrieb zwischen der Insel und dem Festland ein. Der vielgepriesene Wettbewerb ist etwas für Warmduscher. Die Betreiberfirma nutzte die Monopolstellung aus und verlangte die weltweit höchsten Mautgebühren (bezogen auf den km): £5.60 pro Ueberquerung (rund Fr. 14.- im 1995).
  5. Nach massiven öffentlichen Protesten wegen der hohen Tarife hatte die Regierung mit dem Betreiber einen Nachlass ausgehandelt, sofern Mehrfahrtenkarten (20 Ueberfahrten) gelöst werden. Die Differenz bezahlte der Staat (Total 7.6 Millionen Pfund).
  6. Nach neun Jahren eines ursprünglich geplanten 27-Jahre-Vertrags, während dessen die Betreiberfirma 33 Millionen Pfund als Gebühren kassiert hatte (bei Betriebskosten von nur 3.5 Millionen Pfund, eine Gewinnmarge von nahezu 90%), kaufte die Schottische Lokalregierung die Brücke schliesslich für 27 Millionen Pfund zurück.
  7. Total hatten der Staat, die Autofahrer (die bei einer öffentlichen Brücke nichts hätten bezahlen müssen) und öffentliche Investitionsbanken zusammen 93.6 Millionen Pfund für eine Brücke bezahlt, die nach Angaben der Betreiber ursprünglich 25 Millionen Pfund gekostet hatte.
  8. Unabhängige Analysten haben errechnet, dass die Brücke nicht mehr als 15 Millionen Pfund gekostet hätte, wenn der Staat sie selbst hätte bauen lassen. Die Brücke wurde damit mehr als 5 fach überzahlt.
Die Skye Bridge wurde zum Vorzeigeprojekt, aber nur in dem Sinne, dass sich bei allen weiteren PFI Projekten (Spitäler, öffentliche Bauten usw) ähnliche Verhältnisse in der Form von z.T. erheblichen Mehrausgaben ergeben hatten. Es ist auch nicht so, dass dieses Versagen überraschend gekommen war. Schon im Dezember 1993 hatte der spätere Schatzkanzler Grossbritanniens, Alistair Darling, davor gewarnt, dass die "scheinbaren Einsparungen zum jetzigen Zeitpunkt durch beachtliche finanzielle Verpflichtungen in den Folgejahren zunichte gemacht werden könnten". Aus diesem Grunde hat das britische parlamentarische Schatzkommitee festgestellt, dass u.a. auch wegen den höheren Darlehenskosten seit der Finanzkrise "PFI nun eine 'extrem ineffiziente' Methode [ist], Projekte zu finanzieren".

Dass die private Finanzierung des Gotthardtunnels, in der Sprache der Erfinder von PFI, ein disaster waiting to happen ist, sei mit folgenden offenen Fragen und Ueberlegungen belegt.
  • Wer baut/bezahlt die Zufahrtswege? Eine Mautstelle benötigt viel Platz, da mehrere Parallelspuren zur Bezahlung der Maut bereitstehen müssen (der Verkehr verlangsamt sich zum Bezahlen praktisch bis zum Stillstand). Oft bezahlt der Staat diese Rechnung (vgl Skye Bridge).
  • Der Staat soll gemäss Planung die Gebühr für den Schwerverkehr (Fr. 81.- bis 123.-) bezahlen, da das Transitabkommen mit der EU solche Strassengebühren verbietet. Dies entspräche also einer Subvention des Transitverkehrs durch die Eidgenossenschaft: Steuergelder fliessen praktisch direkt und ungehindert in die Kassen der Betreiberfirma. Bei dem Volumen und erwarteten Zuwachs des Transitverkehrs ist dies ein Fass ohne Boden für den Bund.
  • Was passiert, wenn die Sanierung der ersten Röhre abgeschlossen ist? Ein öffentlicher Tunnel (gratis) konkurrenziert dann einen kostenpflichtigen privaten Tunnel. Wird dann die Economiesuisse dafür lobbyieren, dass die Betreiberfirma auch die öffentliche Röhre leasen und gebührenpflichtig betreiben kann? Immerhin soll der Vertrag über 50 Jahre laufen, aber die Sanierung dauert höchstens ein Jahrzehnt.
  • Was passiert, wenn der Unmut im Volk so gross wird, dass der Bund gezwungen wird, die Brücke von den Betreiberfirmen zurückzukaufen (analog der Situation bei der  Skye Bridge). Wieviel muss der Bund dann für den Tunnel bezahlen? Muss der Bund dann auch für den "entgangenen Gewinn" einstehen? Muss der Bund dann auch für "seine eigene" öffentliche Röhre bezahlen, die zu diesem Zeitpunkt vielleicht bereits an die Betreiberfirma verleast ist?
Wenn die bisherigen Erfahrungen mit PFI als Massstab genommen werden, dann hat die Idee der privaten Gotthard-Tunnel Finanzierung das Potential, zum teuersten Abenteuer zu werden, dass die Schweiz je eingegangen ist. Das Schweizer Volk und der Bundesrat tun gut daran, sich von den neoliberalen Schalmeienklängen der Economiesuisse nicht einlullen zu lassen. Der Neoliberalismus hat in den 30 Jahren seiner Existenz noch nie funktioniert, und das gilt ausnahmslos auch für alle weiteren Ideen aus der neoliberalen Mülltonne.

Facts & Figures:
Studie zu zweiter Gotthard-Röhre Tagesschau des Schweizer Fernsehens vom 20.02.2012

Thursday, February 23, 2012

Der Homo Oeconomicus ist ein Phantom

Die Oekonomische Theorie (zB des Marktes) basiert auf dem Modell eines rationalen Akteurs, der seinen Eigennutzen vor allem andern stellt (maximiert), der rational auf Gegebenheiten reagiert und über vollständige Information verfügt. Dieses Konzept des Homo Oeconomicus ist so fundamental, dass in der Tat die gesamte oekonomische Theorie damit steht oder fällt. Es gibt nur ein Problem: Er ist eine Erfindung.

Oekonomen werden hier den Kopf schütteln ob der Unbedarftheit des Laien und dann -- man will ja helfen! -- wohlmeinend zu schulmeistern beginnen: Der Homo Oeconomicus ist eine Idealisierung! Natürlich existiert er nicht! Idealisierung bedeutet das Hervorheben des Wesentlichen! Der Massenpunkt der newton'schen Physik existiert so ja auch nicht!

Das Problem ist nur, das hervorgehobene Wesentliche ist falsch. Idealisierung bedeutet synonym auch das Weglassen des Unwesentlichen, und in der Tat hat der Homo Oeconomicus weder Haarfarbe, noch Blutgruppe, Schuhgrösse oder Mundgeruch. Die Idealisierung besteht im Hervorheben seines Motivs, d.h. der Ursache und der Richtung seines Handelns. Und genau dieses Motiv ist in der realen Welt vollkommen anders.

In sozialwissenschaftlichen Experimenten wurde die Frage geprüft, wie weit reale Personen dem Bild des "rationalen Akteurs" entsprechen. Das Resultat war überraschend: die meisten realen Personen sind bereit, gegen ihren Eigennutz zu handeln und dabei sogar persönliche Nachteile in Kauf zu nehmen, wenn ihnen die angebotene Wahl oder Situation ungerecht erscheint (Norbert Rost: Der Homo Oeconomicus – Eine Fiktion der Standardökonomie [PDF]). Der Akteur, der in jedem Fall den Eigennutz über alles andere stellt, existiert nicht!

Die sogenannte Idealisierung bringt damit nicht etwas Verborgenes ans Tageslicht, sondern erfindet etwas aus dünner Luft. In der realen Welt lassen sich damit keine Schlussfolgerungen aus diesen Theorien ziehen, da die Theorien auf ungültigen Annahmen basieren. Es ist, als wäre die Idealisierung der newton'schen Physik nicht der Massenpunkt sondern der masselose Körper. Ueberraschung: Der masselose Körper fällt nicht! Alle Aussagen der newton'schen Mechanik wären damit hinfällig.

Da, wie oben gesagt, die gesamte oekonomische Theorie mit dem rationalen Akteur steht oder fällt, sind alle wesentlichen Schlussfolgerungen der oekonomischen Theorie hinfällig. Es ist daher nicht überraschend, dass oekonomische Modelle, Vorgaben und Empfehlungen in der Praxis regelmässig scheitern. Davon mehr in künftigen Postings.

Hier noch eine kleine Korrektur: Die Aussage, der rational eigennützige Akteur existiere nicht, ist nicht ganz korrekt. Tatsächlich gibt es eine kleine Anzahl von Personen die ohne jede Rücksicht oder Empathie ihr Eigeninteresse über alles andere stellen. Diese Kategorie von Personen nennt man Psychopathen, und sie besteht aus etwa einem Prozent der Population. Man könnte also sagen, die moderne oekonomische Theorie basiert auf einer Welt bevölkert von allwissenden Psychopathen.

Wednesday, February 22, 2012

Welcome to the Underhanded Economist

This blog is about economics. I'm not an economist, but that should not deter me of writing about it, because economics or -- as it used to be known by -- political economy is not a science. It's rather more politics than economics, and on the politics of economics I am quite opinionated. Don't get me started!

I'll write mostly in German since I'm chiefly interested in the economical debate in Switzerland, but as my beef is particularly with trickle-down supply-side economics (aka neo-liberalism in Europe) whose influence and failure is global, I'll also occasionally write in English. Like now.

So what is it about economics that gets people, including myself, so upset? The best explanation I can find is also the best definition of economics in 6 words that I've ever encountered (here): Economics is the rationalization of injustice. It is based on assumptions that either don't make any sense or have proven to be wrong. Economists have indeed been wrong so often and still obstinately refuse to give up their refuted theories that you're more likely right than wrong if you just disbelief everything economists say. For all that and much more I'll provide evidence in the coming blog posts. Stay tuned!