Sunday, December 30, 2012

Eine kleine Verschwörungstheorie

Nachdem die Welt am 21.12. nun doch nicht untergegangen ist (die Maya scheinen ja beim Voraussagen ihres eigenen Untergangs nicht erfolgreicher gewesen zu sein...), möchte ich für das neue Jahr meine eigene kleine Verschwörungstheorie lancieren. Es ist aber keine Verschwörungstheorie im klassischen Sinne, denn sie erklärt ein tatsächliches und durchaus rätselhaftes Phänomen. Allerdings ist sie noch nicht Occam's razor unterzogen worden. Es gibt daher sicher eine bessere Erklärung des Phänomens, aber solange die nicht ebenso plausibel (und einfacher!) ist, steht meine Erklärung. Hier nun das Rätsel:

Wieso gibt es die Sendung SRF-Börse?

Die Frage ist gar nicht so dumm, wie sie scheint, denn während die Schweizer Börse "schon immer" existierte, gab es vor den späten 90er Jahren keine Börsensendung am Schweizer Fernsehen. Wieso gibt es sie also jetzt? Oder anders gefragt, was hat in den späten 90ern geändert, dass danach eine Börsensendung notwendig oder wünschbar geworden war?

Folgende Gründe sprechen gegen eine solche Sendung (abgesehen davon, dass die Schweizer Börse eine private Aktiengesellschaft ist, die auf diese Weise täglich eine 5minütige Gratiswerbung zur besten Sendezeit bekommt).

Die SRF-Börse ist keine Informationssendung, denn eine Wertpapierbörse liefert keine Informationen. Gemäss einer empirischen Studie können nur etwa 5% der Bewegungen eines Aktienmarktes auf externe Nachrichten ("exogene Faktoren") zurückgeführt werden. Alle anderen 95% der Bewegungen sind Folge des Marktes selbst ("endogen"): Preise steigen, weil sie steigen, und fallen, weil sie fallen. Wenn man dann noch berücksichtigt dass die Reaktion auf allfällige externe Nachrichten (verantwortlich für höchstens 5% der Volatilität!) auch in der Schweiz zunehmend von Robotern und high frequency trading Software ausgeführt wird, kann man getrost sagen, dass der Aktienmarkt frei von jeder Information über die Wirtschaft ist. Er ist eine praktisch vollkommen von der Realität abgekoppelte, selbstlaufende Kasino-Maschine.

Dazu kommt, dass die Efficient Market Hypothesis (EMH) widerlegt ist, d.h. es ist bewiesen, dass sie falsch ist (das ist die Bedeutung des Wortes "widerlegen"), und wer weiterhin behauptet, Wertpapiermärkte seien "effizient" oder stabil, ist ein Idiot oder lügt oder beides. Mit dem Dahinfallen der EMH fällt aber auch das Konzept des shareholder value dahin. Dieses besagt, dass das Optimieren des Aktienkurses einer Firma durch die Firmenleitung automatisch und immer die beste Firmenstrategie ist, weil Aktienmärkte (wegen ihrer Effizienz) immer den realen Wert einer Firma reflektieren (Eigentlich eine idiotische Idee: es mag wohl sein, dass eine hohe Temperatur ein Indikator für gutes Wetter ist, aber das bedeutet doch nicht, dass man mit einem Feuerzeug unter dem Therometer für gutes Wetter sorgen kann).

Damit sind wir wieder am Anfang: Wieso gibt es die SRF-Börse? Sie liefert keine eigenständige Informationen, und da shareholder value nicht funktioniert, auch keine Leitlinie für Unternehmer.

Eine mögliche Antwort und damit meine Verschwörungstheorie liefert das Sendungsporträt von SRF-Börse. Die Moderatorin Patrizia Laeri schreibt dort:
Wer sein ganzes Geld auf dem Sparkonto hortet, hilft nur der Bank. Wer Aktien kauft, investiert in Arbeitsplätze, Forschung, Zukunft – in die echte Wirtschaft eben. (...)
Hervorhebungen durch mich.
Diese Aussage ist falsch. Wer Aktien kauft, investiert nicht in die echte Wirtschaft. Tatsächlich geht im Sekundärhandel (a.k.a. "Börse") bei einem Aktienkauf kein einziger Rappen an die entsprechende Firma, sondern nur an den Vorbesitzer, der sie in der Absicht gekauft hat, sie später einem anderen Idioten teurer weiter zu verkaufen ("greater fool principle").

Diese Art der Lügen ist typisch für die aktuelle Berichterstattung in ökonomischen Fragen, die die Wahrheit immer in die gleiche Richtung verzerrt, nämlich so, dass sie den Markt als einzige und höchste Art der sozialen Ordnung behauptet und gleichzeitig den Staat und die Demokratie in negativem Licht zeichnet und deren Verdrängung durch den Markt als alternativlos darstellt. Dies alles begann im Zuge des neoliberalen Umbaus der Wirtschaft, der nicht nur die hauptsächlich ideologisch motivierte Deregulierungs-, Liberalisierungs- und Privatisierungswelle ausgelöst, sondern auch sondern auch die Medienberichterstattung beeinflusst hatte. Tageszeitungen (speziell der Tages-Anzeiger) begannen, eine dezidiert (wenn nicht sogar euphorisch) markt-ideologische Haltung im redaktionellen Teil zu zeigen. Aber auch das Schweizer Fernsehen begann, auffallend markt-ideologische Züge in seiner Berichterstattung zu zeigen und ensprechende Sendegefässe aufzunehmen, speziell die SRF-Börse.

Dies ist deshalb meine Antwort: Die SRF-Börse hat den Zweck, das Volk mit neoliberalen Vorstellungen wie der generellen Überlegenheit des Marktes gegenüber der Demokratie, der Wichtigkeit des shareholder value in der Wirtschaftspolitik und der Notwendigkeit weiterer Privatisierungen und Deregulierungen zu indoktrinieren. Verschwörungstheorie? Sicher! Aber wer eine bessere Antwort geben will, muss eine finden, die alle genannten Sachverhalte (Unwahrheiten, Verdrehungen) ebenso gut erklärt, wie meine Verschwörungstheorie.

Nachtrag: Im Beitrag Die Post: ein Rückblick in der Tagesschau vom 30.08.2012 zur Post AG kommentiert die Sprecherin (bei c.a. 1:00) das Bild mit den Worten: "Noch ist die PTT der einzige Anbieter im Markt". Diese Formulierung ist ebenso typisch wie irreführend, denn zu diesem Zeitpunkt gab es überhaupt kein Konzept eines "Marktes" im Post- oder Fernmeldewesen, und beide Dienste waren nicht nur organisatorisch, sondern auch in der allgemeinen Volks-Auffassung Staatliche Dienste (die Liberalisierung begann in der Schweiz erst Anfangs der 90er Jahre). Aber hier wird ausdrücklich suggeriert, dass der Markt die natürliche Form der Ordnung darstellt, und die PTT als "noch (...) einzige[m] Anbieter" eine Abnormalität darin.

Nachtrag 2: Die Lüge "Wer Aktien kauft, investiert in Arbeitsplätze, Forschung, Zukunft – in die echte Wirtschaft eben" ist darum so hinterhältig, weil sie als neoliberale Lügenpropaganda zur Rechtfertigung von Steuersenkungen für Reiche dient. Solche Steuersenkungen seien notwendig, heisst es, damit die Reichen in die Wirtschaft investieren und Arbeitsplätze schaffen können, was dann letztlich uns allen nützt (trickle-down Effekt). Aber tatsächlich "investieren" die Reichen die gesparten Steuern lediglich in Aktien, wo das Geld als totes Kapital herumliegt und höchstens weiteres steuerbefreites Einkommen generiert, aber keine Wirkung in der Wirtschaft hat, da nichts von diesen "Investitionen" bei den eigentlichen Firmen ankommt.

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