Friday, October 14, 2016

Der stille Abschied der Ökonomie von der Angebotspolitik

Die Angebotspolitik -- supply-side economics m O-Ton -- hat seit nunmehr 30 Jahren die ökonomische Realität in der Welt bestimmt. Ökonomen haben Politiker und Regierungen beraten und Generationen von Studenten ausgebildet, und wir haben unsere Volkswirtschaften nach ihren Vorgaben umgebaut.

Und nun stellt sich heraus, dass es für diese ökonomische Theorie offenbar niemals eine wissenschaftliche Basis gab. So schreibt der Nobelpreisträger für Ökonomie Paul Krugman in seinem Blog in der New York Times
Supply-side economics never had any evidence behind it; it never had any support in academic research; it barely even had any support among economic researchers and forecasters in the business world. It was and remains crank economics pure and simple, with nothing going for it except political convenience.
Er wiederholte seinen Kritik gegen supply-side kürzlich in Genf anlässlich eines Vortrags am Graduate Institute Geneva (YouTube video, ab 50:30 , speziell ab 51:08 "Was the evidence always really that good?").

Tatsächlich wurden die Versprechungen der Angebotspolitik (Wachstum, Vorteile für Mittelstand, etc.) nie realisiert. Sie resultierte stattdessen in geringerem Wachstum, grösserer Ungleichheit, unternehmen-schädlichem Kurzfrist-Denken, Instabilität in den Finanzmärkten und in der Folge häufigerer und schwererer Finanzkrisen, von deren letzter wir uns (mit Ausnahme der obersten 1%, die immer profitieren) bekanntlich immer noch nicht vollständig erholt haben.

Obwohl es gemäss Paul Krugman nie eine wissenschafttliche Basis für die Supply-Side Politik gab, hatten Ökomen in der Akademie oder in der Praxis deren Thesen propagiert und in der Folge sowohl dem Mittelstand der Länder, als auch deren Volkswirtschaften immensen Schaden zugeführt.

Interessant ist nun, dass sich die Ökonomie angesichts der Fehlleistungen der von ihnen eben noch propagierten Thesen inzwischen offenbar still und heimlich von ihnen verabschiedet hat. So heisst es im Wikipedia-Artikel zur Angebotspolitik vom 21. Oktober 2015 unter dem Titel Geschichte noch:

Die Mehrheit der Ökonomen in Deutschland neigte sich in den letzten Jahren der Angebotspolitik zu. So formulierten im Jahr 2005 mehr als 250 deutsche Professoren der Volkswirtschaftslehre einen angebotsorientierten Grundkonsens im Hamburger Appell.
In der Überarbeitung des Artikels vom 21. Dezember 2015 wurde dieser Passus klammheimlich entfernt (vgl Titel Rezensionsgeschichte). Kein Hinweis mehr darauf, dass Ökonomen jemals einen "Grundkonsens" zur Angebotspolitik formuliert und die ideologische Basis für den Umbau ganzer Volkswitschaften gelegt hatten.

Da die Ökonomie offenbar auf jeden Modetrend aufspringt -- sofern er mittelstands-feindliche Konsequenzen hat -- und sich dann still von ihnen verabschiedet, ohne jemals Rechenschaft abzulegen, Fehler zuzugeben und in der Konsequenz den Rückbau dieser Fehlleistungen zu fordern, sollten wir nicht denselben Fehler noch einmal machen, wenn sie nun die Festschreibung dieser Fehlleistungen in unumkehrbaren Freihandelsvertägen wie TTIP oder TiSA fordern.

Wir sollten uns eher überlegen, wie wir verfahren würden, wenn sich an einer andern universitären Fakultät eine vergleichbare Fehlleistung ereignet hätte, wie die der Angebotspolitik in der Ökonomie oder gar dem Unvermögen der sogenannten Wissenschaft, die Finanzkrise von 2008 nur schon zu erkennen, während sie im Begriffe war, die Weltwirtschaft kollabieren zu lassen. Würden wir eine solche Inkompetenz andernorts auch einfach so hinnehmen und den Akademikern gestatten, dieselben erwiesenermassen falschen Thesen einer neuen Generation von Studenten als Dogma und Lehre einzutrichtern?

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