Thursday, May 30, 2013

Ferienlektüre (2)

Da ich anfangs Juni für zwei Wochen ins südliche Ostasien auf eine Kreuzfahrt gehe, habe ich ein paar Bücher besorgt, um den einen oder andern Moment der Ruhe und Behaglichkeit mit Geschichten und Berichten über ökonomische Kriminalität zu zerstören. Zu den jeweiligen Buchtiteln habe ich ein Video (wo vorhanden) und andere Informationen beigestellt.

Ich wünsche allen schon mal eine schöne erste Junihälfte!

Whoops! Why Everyone Owes Everyone and No One Can Pay
John Lanchester


Whoops @ The Guardian

ECONned: How Unenlightened Self Interest Undermined Democracy and Corrupted Capitalism
Yves Smith


ECONned @ Wikipedia
ECONned als Free Download [PDF]

Wednesday, April 17, 2013

Final Proof: Economics is not Science

Consider, if you will, the following analytic proposition:
  1. If someone wanted to make a statement about the physical world,
  2. To that end formulated a precise mathematical and/or logical model,
  3. On the basis of that model made a prediction for a specific situation,
  4. And then the precise situation arises, but the predicted result fails to materialize.
If such a situation ever came true it is safe to claim that everybody — everybody — would concede, that the model in question must be wrong. The only discipline where this is not the case is economics. Watch the following exchange between David Stockman, economist and author of The Great Deformation, and Saru Jayaraman, activist and author of Behind the Kitchen Door, on Real-Time with Bill Maher. The guests are seen debating the fact that in the USA tipped servers in restaurants get only a minimum wage of $2.13 an hour (and are actually paid nothing because the amount covers just the necessary taxes). Watch:


Here's the summary of what we're witnessing:
  • Stockman claims (5:57) that a higher minimum wage would "destroy jobs".
  • Jayaraman disproves (6:52) this claim with evidence that in California where in places servers are paid the higher national minimum wage the number of restaurants is growing faster than ever.
  • Stockman replies to his claim being disproved that (7:30) "People will never agree about the facts but it's logical: If you raise the cost of running a business on the margin you are going to eliminate the employment on that business ... [crosstalk]".
Well, first, no, it's only economists that will never agree — or care — about the facts. People with brains actually do, and second, no, it's not logical, it's wrong. Jayaraman has just proved with facts that what Stockman claims did not happen.

I know of no other discipline that is equally impervious to factual evidence as economics. Note especially that when Stockman claims that the reasoning behind his claim is "logical" then the underlying assumptions or the theory that makes this reasoning inescapable must be wrong. Period. There is no escape from that if economics claims to be a science. And if — what is often heard — economics is not an "exact science" then it simply cannot make any such exact or inescapable claims. I thought we left behind already centuries ago such claims that whatever contradicts the Bible cannot possibly be true. In fact, the only quasi-science where facts are irrelevant if the theory says otherwise (to paraphrase Stockman's assertion above) is economics. The inescapable conclusion therefore must be that economics cannot be science.

I'd love to see a student of economics take this video to class and then confront the professor why economics is the only discipline in the world (apart from religion) where factually disproved claims are still maintained, taught and defended tooth and nail as "logical".

Further reading:
Brian Davey, Economics is not a social science

Saturday, March 30, 2013

Der Irische Raub

Ich schaue gerade das Arte Doku Die Wahrheit - Eurokrise - Wem schulden die maroden Banken das Geld? auf YouTube und muss jetzt eine Pause machen. Ich kann in einer bestimmten Zeit nur eine begrenzte Menge an ökonomischer Psychopathie ertragen. Schwache Nerven sollten die Finger komplett davon lassen, es ist unerträglich. Nur soviel: mein kleines Märchen vom Spanischen Raub wird von der Realität in einem Ausmass übertroffen, das jede Vostellungskraft sprengt.

Ökonomie - Die Theologie des Marktes

Ich habe schon lange die These vertreten, dass Ökonomie keine Wissenschaft sei, weil sie an "Wissen" nicht interessiert ist. Mein letzter Post über den Mindestlohn ist ein case in point, wie der Angelsachse sagt. Obwohl Mindestlöhne seit Jahren exisitieren, und deren Wirkung auf Arbeitslosigkeit daher beobachtet werden kann, lehrt die Ökonomie immer noch die Orthodoxie. Ich nenne dieses Phänomen Faktenresistenz.

Trotzdem hat es aber eine gewisse Zeit gedauert (und einige ökonomische Bücher benötigt), bis ich eingesehen hatte, dass Ökonomie in Tat und Wahrheit eine Theologie ist. Der Glaube an den Freien Markt ist ein religiöser Glaube mit all ihren Dogmen, Evangelien, Sekten, Priestern, Ketzern usw. Im Gegensatz zu einer Wissenschaft, in der es schon namentlich darum geht, "Wissen" zu "schaffen", hat die Ökonomie den Zweck, sich selber und — da eine Religion nie damit zufrieden ist, den wahren Glauben zu haben, sondern ihn immer auch andern aufzwingen muss — alle andern davon zu überzeugen, dass ihr Gott (Markt) den längeren Penis hat als alle andern Götter.

Im blog Unlearning Economics (empfohlen für jeden Kritischen Ökonomen!) zitiert der Autor aus der Einführung zum Kapitel 11 Markets, Efficiency and the Public Interest des Buches Economics von John Sloman
First we show how a perfect market economy could under certain conditions lead to ‘social efficiency.’ … [we then] show how markets in practice fail to meet social goals. These failures provide the major arguments in favour of government intervention in a market economy.
Diese Zeilen sind äusserst erhellend und zielen auf den Kern meiner ökonomischen Kritik. Der Autor ist in diesem speziellen Fall besonders hilfreich, da er im wesentlichen mein Argument explizit macht:
Zuerst wird gezeigt, dass ein Perfekter Markt (Gott) zu (absoluter) sozialer Effizienz führt,
dann wird gezeigt, dass ein realer Markt (Welt) diese sozialen Ziele verfehlt.
Man beachte, dass das ökonomische Modell perfekt und die Realität mangelhaft ist und deshalb die geforderten Ziele verfehlt.

Dies ist keine Wissenschaft, sondern Theologie, denn in einer Wissenschaft, etwa der Meteorologie, ist es immer das idealisierte Modell, das mangelhaft ist, da es die Realität gerade wegen seiner Idealisierungen nicht vollkommen abzubilden vermag und daher von dieser abweicht. Diese Umkehrung der Bedeutung von Idealisierung und Realität ist der Kern einer Theologie: Gott ist unfehlbar. Es ist immer die Realität, die mangelhaft ist.

Wäre die Ökonomie eine Wissenschaft, dann würde wie in der Meteorologie ein allfällig idealisiertes Modell dazu verwendet werden, den realen Markt zu verstehen, um danach das Modell (und eben nicht die Realität!) zu verfeinern, damit letzteres nach und nach genauere Voraussagen zu produzieren vermag. Tatsächlich aber besteht das ökonomische Projekt darin, die mangelhafte Realität dem Perfekten Modell anzugleichen, und damit quasi einen Ökonomischen Gottesstaat (einen Total Freien Markt) zu errichten.

Wednesday, March 13, 2013

Ein kleiner mathematischer Beweis

Seit der State of the Union Address von Präsident Obama, in welcher er die Erhöhung des Mindestlohnes ankündigte, sind mir zwei verschiedene Videos vor die Augen gekommen, in denen ein Sprecher die Behauptung aufgestellt hat, dass ein Mindestlohn zu mehr Arbeitslosigkeit führe:

Realtime with Bill Maher31:43Bill Maher: So either you have a welfare state where you gonna have to give the people food stamps or you gonna force companies like McDonalds and Walmart to pay people a wage they can live on.
Jamie Weinstein: Which means the unemployment rate will go up. (...) I mean that's basic economics.
The Rachel Maddow Show00:08John Boehner: When you raise the price of employment, guess what happens: you get less of it.

Dieselbe Behauptung steht auch im Klassiker Economics in One Lesson[PDF] von Henry Hazlitt im Kapitel 18 Minimum Wage Laws, wo er schreibt:
"There is no escape from the conclusion that the minimum wage will increase unemployment". [Hazlitt p117]
Wenn man die Sprecher beim Wort nehmen darf — und die wirkungsvollste Kritik ist immer diejenige, die sich allein auf die Aussagen der Sprecher stützt — dann darf man folgende Gesetzmässigkeit daraus ableiten:

Mindestlöhne führen zu Arbeitslosigkeit

Ich möchte diese Aussage in folgende mathematische Form, der sogenannten Aussagenlogik kleiden (der Pfeil → bedeutet "impliziert"):

M → A

Diese Aussage ist nicht einfach eine abstrakte Theorie. Tatsache ist, dass verschiedene Volkswirtschaften solche Mindestlöhne eingeführt und mehrfach erhöht hatten. Wir müssen also nicht nur glauben, sondern können beobachten, was Mindestlöhne bewirken. Ausserdem haben in den USA einige der Teilstaaten einen eigenen, höheren Mindestlohn eingeführt, während der Nachbarstaat nur den nationalen Mindestlohn hat. Man hat also nicht nur eine Reihe von realen Experimenten, sondern sogar kontrollierte Experimente mit verschiedenen Mindestlöhnen in der gleichen Volkswirtschaft zur gleichen Zeit. Das Ergebnis einer Studie [PDF] des Centers for Economic and Policy Research (CEPR) findet für diese wiederholten Experimente eines Mindestlohnes "(...) No Discernible Effect on Employment" (Titel der Studie).

Wir beobachten also einen Mindestlohn, aber keine Arbeitslosigkeit (M und nicht A)

M ∧ ¬A

Lässt sich nun die Theorie mit der Beobachtung vereinbaren? Können beide Aussagen gelten? Prüfen wir nach:

(M → A) ∧ (M ∧ ¬A)Behauptung und Beobachtung
(M → A) ∧ ¬¬(M ∧ ¬A)doppelte Negation: P ≡ ¬¬P, für alle P
(M → A) ∧ ¬(¬M ∨ ¬¬A)De Morgan im zweiten Term
(M → A) ∧ ¬(¬M ∨ A)doppelte Negation im hinteren A
(M → A) ∧ ¬(M → A)Definition der Implikation: P →Q ≡ ¬P ∨ Q, für alle P, Q

Dies ist ein Widerspruch! Eine Aussage und ihr Gegenteil können nicht gleichzeitig wahr sein. Da wir den zweiten Teil tatsächlich beobachten, muss der erste Teil, also die Behauptung zwingend falsch sein. Damit aber nicht genug, denn die Behauptung ergibt sich ja aus der ökonomischen Theorie!


T → (M → A) Theorie impliziert Behauptung
T → FALSEBehauptung ist falsch (Widerspruch mit der Beobachtung)
¬T ∨ FALSEDefinition der Implikation
¬TDisjunktion kann nur wahr sein, wenn "nicht-T" wahr ist
T ≡ FALSET muss unwahr sein

Wir haben also mit Hilfe der Aussagenlogik bewiesen, dass die ökonomische Theorie falsch sein muss. Wenn eine Theorie korrekt ist, dann impliziert sie keine falschen Aussagen. Die ökonomische Theorie sagt aber einen Sachverhalt zwingend voraus, nämlich dass ein Mindestlohn zu Arbeitslosigkeit führt. Da wir diesen Sachverhalt aber nicht beobachten, ist die ökonomische Theorie beweisbar falsch.

QED

Thursday, February 21, 2013

Die Wahrheit über Daniel Vasella

Primeur - - Zitieren nur mit Quellenangabe - - Primeur

Wie ist es möglich, dass (bald-)ex-Novartis CEO Daniel Vasella — einst ein überzeugter Marxist-Leninist — zum Prototypen eines Abzockers mutiert ist? Kann man so einfach seine Überzeugungen und damit die Seiten wechseln? The Underhanded Economist kennt die Antwort und kann als erstes Medienerzeugnis der Schweiz das Rätsel auflösen:

Daniel Vasella hat das System abgezockt, um nach seinem Austritt linke und alternative Projekte finanzieren zu können!

Während seiner Studienzeit hat Vasella erkannt, dass das kapitalistische System so vollkommen korrupt ist, dass es nicht verändert werden kann. Man kann das System nur unterwandern, indem man seine Korruption gegen es selber ausnutzt. Doch dazu ist Geld notwendig! Viel Geld! Denn dem Kapital stehen praktisch unbegrenzte Mittel zur Verfügung, um die Politik zu kaufen, den Mittelstand auszubeuten und sich so immer weiter auf Kosten der Allgemeinheit zu bereichern. So ist Vasella schliesslich auf den Gedanken gekommen, das System zu unterwandern, den Marsch durch die Institutionen anzutreten, sich zum CEO einer börsenkotierten Unternehmung zu machen und es danach nach allen Regeln des verhassten Systems abzuzocken. Er hat dafür gesorgt, dass der Verwaltungsrat sein Gehalt auf 20mio Franken festlegt, eine Höhe, die selbst in den USA als unerhört gilt. Nur so konnte er das System möglichst schnell abzocken, denn er musste immer damit rechnen, dass sein Plan durchschaut würde. Es ging aber alles gut, und inzwischen stehen ihm genügend Mittel zur Verfügung, um es mit Gegnern wie den Blochers, der Economiesuisse und deren Lakaien in den bürgerlichen Parteien aufzunehmen.

Daniel Vasella war als Student ein Marxist, und ist auch als CEO immer einer geblieben. Er hat nur darauf gewartet, den verhassten Kapitalismus auf Augenhöhe konfrontieren zu können.

Ich wette, dass Daniel Vasella schon kurz nach seiner letzten Generalversammlung den Schleier lüften und seine Rolle als Schweizerischer Soros und Financier der Linken übernehmen wird. Tick tick tick...

Sunday, December 30, 2012

Eine kleine Verschwörungstheorie

Nachdem die Welt am 21.12. nun doch nicht untergegangen ist (die Maya scheinen ja beim Voraussagen ihres eigenen Untergangs nicht erfolgreicher gewesen zu sein...), möchte ich für das neue Jahr meine eigene kleine Verschwörungstheorie lancieren. Es ist aber keine Verschwörungstheorie im klassischen Sinne, denn sie erklärt ein tatsächliches und durchaus rätselhaftes Phänomen. Allerdings ist sie noch nicht Occam's razor unterzogen worden. Es gibt daher sicher eine bessere Erklärung des Phänomens, aber solange die nicht ebenso plausibel (und einfacher!) ist, steht meine Erklärung. Hier nun das Rätsel:

Wieso gibt es die Sendung SRF-Börse?

Die Frage ist gar nicht so dumm, wie sie scheint, denn während die Schweizer Börse "schon immer" existierte, gab es vor den späten 90er Jahren keine Börsensendung am Schweizer Fernsehen. Wieso gibt es sie also jetzt? Oder anders gefragt, was hat in den späten 90ern geändert, dass danach eine Börsensendung notwendig oder wünschbar geworden war?

Folgende Gründe sprechen gegen eine solche Sendung (abgesehen davon, dass die Schweizer Börse eine private Aktiengesellschaft ist, die auf diese Weise täglich eine 5minütige Gratiswerbung zur besten Sendezeit bekommt).

Die SRF-Börse ist keine Informationssendung, denn eine Wertpapierbörse liefert keine Informationen. Gemäss einer empirischen Studie können nur etwa 5% der Bewegungen eines Aktienmarktes auf externe Nachrichten ("exogene Faktoren") zurückgeführt werden. Alle anderen 95% der Bewegungen sind Folge des Marktes selbst ("endogen"): Preise steigen, weil sie steigen, und fallen, weil sie fallen. Wenn man dann noch berücksichtigt dass die Reaktion auf allfällige externe Nachrichten (verantwortlich für höchstens 5% der Volatilität!) auch in der Schweiz zunehmend von Robotern und high frequency trading Software ausgeführt wird, kann man getrost sagen, dass der Aktienmarkt frei von jeder Information über die Wirtschaft ist. Er ist eine praktisch vollkommen von der Realität abgekoppelte, selbstlaufende Kasino-Maschine.

Dazu kommt, dass die Efficient Market Hypothesis (EMH) widerlegt ist, d.h. es ist bewiesen, dass sie falsch ist (das ist die Bedeutung des Wortes "widerlegen"), und wer weiterhin behauptet, Wertpapiermärkte seien "effizient" oder stabil, ist ein Idiot oder lügt oder beides. Mit dem Dahinfallen der EMH fällt aber auch das Konzept des shareholder value dahin. Dieses besagt, dass das Optimieren des Aktienkurses einer Firma durch die Firmenleitung automatisch und immer die beste Firmenstrategie ist, weil Aktienmärkte (wegen ihrer Effizienz) immer den realen Wert einer Firma reflektieren (Eigentlich eine idiotische Idee: es mag wohl sein, dass eine hohe Temperatur ein Indikator für gutes Wetter ist, aber das bedeutet doch nicht, dass man mit einem Feuerzeug unter dem Therometer für gutes Wetter sorgen kann).

Damit sind wir wieder am Anfang: Wieso gibt es die SRF-Börse? Sie liefert keine eigenständige Informationen, und da shareholder value nicht funktioniert, auch keine Leitlinie für Unternehmer.

Eine mögliche Antwort und damit meine Verschwörungstheorie liefert das Sendungsporträt von SRF-Börse. Die Moderatorin Patrizia Laeri schreibt dort:
Wer sein ganzes Geld auf dem Sparkonto hortet, hilft nur der Bank. Wer Aktien kauft, investiert in Arbeitsplätze, Forschung, Zukunft – in die echte Wirtschaft eben. (...)
Hervorhebungen durch mich.
Diese Aussage ist falsch. Wer Aktien kauft, investiert nicht in die echte Wirtschaft. Tatsächlich geht im Sekundärhandel (a.k.a. "Börse") bei einem Aktienkauf kein einziger Rappen an die entsprechende Firma, sondern nur an den Vorbesitzer, der sie in der Absicht gekauft hat, sie später einem anderen Idioten teurer weiter zu verkaufen ("greater fool principle").

Diese Art der Lügen ist typisch für die aktuelle Berichterstattung in ökonomischen Fragen, die die Wahrheit immer in die gleiche Richtung verzerrt, nämlich so, dass sie den Markt als einzige und höchste Art der sozialen Ordnung behauptet und gleichzeitig den Staat und die Demokratie in negativem Licht zeichnet und deren Verdrängung durch den Markt als alternativlos darstellt. Dies alles begann im Zuge des neoliberalen Umbaus der Wirtschaft, der nicht nur die hauptsächlich ideologisch motivierte Deregulierungs-, Liberalisierungs- und Privatisierungs­welle ausgelöst, sondern auch sondern auch die Medien­berichterstattung beeinflusst hatte. Tageszeitungen (speziell der Tages-Anzeiger) begannen, eine dezidiert (wenn nicht sogar euphorisch) markt-ideologische Haltung im redaktionellen Teil zu zeigen. Aber auch das Schweizer Fernsehen begann, auffallend markt-ideologische Züge in seiner Berichterstattung zu zeigen und ensprechende Sendegefässe aufzunehmen, speziell die SRF-Börse.

Dies ist deshalb meine Antwort: Die SRF-Börse hat den Zweck, das Volk mit neoliberalen Vorstellungen wie der generellen Überlegenheit des Marktes gegenüber der Demokratie, der Wichtigkeit des shareholder value in der Wirtschafts­politik und der Notwendigkeit weiterer Privatisierungen und Deregulierungen zu indoktrinieren. Verschwörungstheorie? Sicher! Aber wer eine bessere Antwort geben will, muss eine finden, die alle genannten Sachverhalte (Unwahrheiten, Verdrehungen) ebenso gut erklärt, wie meine Verschwörungs­theorie.

Nachtrag: Im Beitrag Die Post: ein Rückblick in der Tagesschau vom 30.08.2012 zur Post AG kommentiert die Sprecherin (bei c.a. 1:00) das Bild mit den Worten: "Noch ist die PTT der einzige Anbieter im Markt". Diese Formulierung ist ebenso typisch wie irreführend, denn zu diesem Zeitpunkt gab es überhaupt kein Konzept eines "Marktes" im Post- oder Fernmeldewesen, und beide Dienste waren nicht nur organisatorisch, sondern auch in der allgemeinen Volks-Auffassung Staatliche Dienste (die Liberalisierung begann in der Schweiz erst Anfangs der 90er Jahre). Aber hier wird ausdrücklich suggeriert, dass der Markt die natürliche Form der Ordnung darstellt, und die PTT als "noch (...) einzige[m] Anbieter" eine Abnormalität darin.

Nachtrag 2: Die Lüge "Wer Aktien kauft, investiert in Arbeitsplätze, Forschung, Zukunft – in die echte Wirtschaft eben" ist darum so hinterhältig, weil sie als neoliberale Lügenpropaganda zur Rechtfertigung von Steuersenkungen für Reiche dient. Solche Steuersenkungen seien notwendig, heisst es, damit die Reichen in die Wirtschaft investieren und Arbeitsplätze schaffen können, was dann letztlich uns allen nützt (trickle-down Effekt). Aber tatsächlich "investieren" die Reichen die gesparten Steuern lediglich in Aktien, wo das Geld als totes Kapital herumliegt und höchstens weiteres steuerbefreites Einkommen generiert, aber keine Wirkung in der Wirtschaft hat, da nichts von diesen "Investitionen" bei den eigentlichen Firmen ankommt.